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Berlin
„Durch Kampf ins Spiel kommen“
01:43, 4. Mai 2017
Der frühere Grünen-Chef Bütikofer rät der Partei, sich auf ihren Öko-Markenkern zu besinnen – aber nicht darauf zu versteifen.
Reinhard Bütikofer (Archiv)
Herr Bütikofer, die Grünen scheinen nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein. Haben Sie eine Erklärung für den Liebesentzug der Wähler?
Bütikofer: Nun machen Sie mal halblang. Wir Grüne können, weil wir wissen, was wir wollen, auch mit sechs bis acht Prozent wichtige Veränderungen für die Menschen durchsetzen. Das haben wir in vielen Bundesländern und auch schon im Bund gezeigt. Die Messen sind noch nicht gelesen.

Wissen denn die Grünen wirklich noch, was sie wollen?
Bütikofer: Ja, klar. Wir wollen etwa, dass Deutschland den Weg einer vorbildlichen, progressiven Energiepolitik weitergeht. Einer Energiepolitik, die Arbeitsplätze schafft und wirksam gegen den Klimawandel gerichtet ist. Dazu gehört auch, dass die Kohle auf mittlere Sicht keine Zukunft hat.

Zentrale Umweltthemen vom Atom- bis zum Kohleausstieg sind längst auch bei anderen Parteien im Angebot. Haben sich die Grünen schlicht zu Tode gesiegt?
Bütikofer: Machen wir mal einen Realitätscheck! Wo ist die SPD-Politik für den Kohleausstieg, oder die von Union, FDP oder Linken? Wenn wir Grüne das nicht forcieren, dann macht es keiner. Vielleicht haben wir die anderen Parteien noch nicht genug zum Umdenken bewegt. Wir haben Ideen, wie moderne Wirtschaft und Gesellschaft geht. Aber von selber regelt sich nichts, und die Grünen braucht es genau deswegen.

Müssen sich die Grünen neue Themen erschließen oder wäre die alleinige Fixierung auf ihre Öko-Marken der richtige Weg, um aus der politischen Krise zu kommen?
Bütikofer: Sich auf ökologische Fragen zu beschränken, wäre kein Erfolgsrezept. Schon bei der Energiepolitik geht es ja nicht nur ums Klima, sondern um wirtschaftliche Perspektiven, um Versorgungssicherheit, um soziale Stabilität. Insgesamt kommen auf unsere Gesellschaft völlig neue Herausforderungen zu, wenn man an das Thema Digitalisierung denkt. Hier stehen wir vor einer industriellen Revolution, auf die das Land kaum vorbereitet ist, darum müssen auch wir Grüne uns stärker kümmern.

Die Parteibasis hat Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt zu ihren Spitzenkandidaten bestimmt. Eine gute Wahl?
Bütikofer: Ja. Mit diesem Spitzenteam werden wir bei der Bundestagswahl erfolgreich sein.

Andere Grüne haben da offenbar Zweifel und würden sich für den knapp unterlegenen Robert Habeck eine bundespolitische Rolle wünschen. Sie auch?
Bütikofer: Es ist doch so: Man kann nicht auf dem Spielfeld stehen und für ein gutes Ergebnis kämpfen und gleichzeitig auf der Tribüne sitzen, um Kommentare abzugeben, die genau diesem Ziel schaden. Robert Habeck kann viel, er leistet viel, und er wird bei der Wahl in Schleswig-Holstein zu einem guten Abschneiden der Grünen viel beitragen. Aber wir lassen uns jetzt keine Personaldebatte aufschwatzen.

Sollte Habeck Parteichef werden?
Bütikofer: Wenn er in Schleswig-Holstein wieder Minister wird, hilft er uns allen damit sehr. Und dass er bundesweit gefragt ist, ist offenkundig. Aber ein Jegliches hat seine Zeit. Und jetzt ist Wahlkampf.

In NRW wollen die Grünen weder mit der CDU noch mit der FDP koalieren. Wie sinnvoll ist diese Auschlißeritis?
Bütikofer: Die NRW-Grünen haben das so entschieden und so wird es jetzt gemacht. Und das Wahlergebnis bewerten wir, wenn das Wahlergebnis vorliegt.

Im Bund dagegen halten sich die Grünen sowohl ein Bündnis mit der SPD als auch mit der Union offen...
Bütikofer: Auch im Bund ist die entscheidende Frage nicht, mit wem wir liebäugeln, sondern wozu es uns Grüne braucht. Das inhaltliche Profil steht deshalb im Zentrum grüner Politik und keine Koalitionsdebatte.

Hätten Sie ein Patentrezept, um Ihre Partei wieder in die Offensive zu bringen?
Bütikofer: Ich bin für eine alte Fußballweisheit: durch Kampf ins Spiel kommen.




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